Geschenke, Geheimnisse, Glamour, Gedichte voller Erotik I

Es ist mal wieder an der Zeit meine innere Gedanken- und Bilderwelt zu bereichern. Mit welcher Ausstellung, Lesung oder sonstigem kulturellen Ereignis könnte ich mich beschenken und mehr Farbe in meine schwarz-weiße Buchstabenwelt bringen? Um immer ein paar Ziele in meiner näheren Umgebung zu kennen, sammle ich Tipps aus der Tagespresse. Als ich die ausgeschnittenen Zeitungsartikel durchblättere bleibe ich an der Überschrift „Nackte Popöchen“ hängen. Da sieht man mal wieder wie wichtig Überschriften sind, denn das Bild von William Copley, <em>Kiss me</em> (1965) zeigte die Stuttgarter Zeitung am 1. März 2012, nur angeschnitten. Gerade das Popöchen fiel wohl dem Layout zum Opfer. Dabei ist das doch das Wichtigste, denn was bitte sollte man denn sonst küssen wollen? Das Gesicht ist abgewendet, die Lippen nicht zu sehen, und dieser Umstand ist genau die Art von Humor, die die Bilder von Copley besonders machen.

Noch bis zum 10. Juni 2012 präsentiert das Museum Frieder Burda eine umfassende Retrospektive des amerikanischen Künstlers William N. Copley. Ich zitiere aus der Pressemitteilung des Museums zur Ausstellung: „In der Tradition von Dada, Surrealismus und amerikanischer Pop Art setzt sich William N. Copley in seinen Bildern auf ironische Weise mit dem erotischen Spiel zwischen Mann und Frau in all seinen Facetten auseinander. Auf die Frage, ob er eine Theorie über die eigene Malerei habe, antwortete Copley in einem Interview 1968: „Nein, nur scheine ich dazu verdammt zu sein, die Tragödie von Mann und Frau zu erkunden. Das ist vermutlich chaplinesk.”  

Das liest sich, als ob das ein unterhaltsamer Ausflug werden könnte.

 

Gestern war ich also dort und es hat mir gut gefallen. Auf seinen comicartigen Bildern zeigt der Künstler lustvolle Frauen. Humorvoll schmuggelt er sein Alter Ego, einen Mann mit Melone – dem Hut, nicht der Frucht, davon hatten wir es in ein einem anderen Artikel – ins Bild, das sich gern von einer oder mehreren Frauen verführen lässt. Offensichtlich liebte er Frauen und Erotik. Er malte wonnige Körper und wurde nur in der x-Rate Serie, so nannte er sie selbst und das bedeutet „nicht für Jugendliche geeignet“ explizit. Davon gibt es wohl 60 Gemälde, wovon drei in der Ausstellung hängen. Aber vor diesen, als drastisch und pornografisch beschriebenen Werken, muss man Kinder und Jugendliche wohl nicht mehr schützen, denn sie hängen frei zugänglich auf dem vorgegebenen Weg durch die Ausstellung. Hätte mich der Audio-Guide nicht darauf hingewiesen, wären mir die x-Rate Gemälde auch nicht besonders aufgefallen, denn ich fand sie wesentlich uninteressanter als die comicartigen. Die sind witzig, unkompliziert und meist sofort zu verstehen. Wenn nicht, hilft der Audio-Guide. Ein angenehmer Sprecher erklärt, was es mit dem Bild Tomb of the Unknown Who“ – Dem Grabmal der unbekannten Hure – auf sich hat. Copley setzte damit den Huren ein Denkmal. Ihn ärgerte, dass es immer nur Denkmäler für die Unbekannten Soldaten gibt und dabei hätten doch auch die Huren ihr Leben auf den Feldzügen für das Vaterland gegeben. Diesem Missverhältnis in der Bewertung der Leistung von Mann und Frau wollte er damit entgegen wirken. Sehr sympathisch dieser Mann, der gesellschaftliche Themen mit Hilfe von Erotik und Sex transportierte und das auch noch auf spielerische und vergnügliche Weise. Auf dem Audio- Guide ist er im Originalton mit dem Satz zu hören: „Was für andere Themen gibt es außer Sex?“

18/03/2012 / Von: Ines Witka / Erotik

Kommentare

Mir kommt da, auch im Nachgang zu den beiden vorangegangenen Themen und weil ich das Buch "Das Bild" von Jean de Berg gerade gelesen habe, der Gedanke, dass all die "fesselnden Ereignisse", die uns berühren, zwar Bilder, Literatur, Filme usw. sind. Aber diese spiegeln nichts weiter als Realität; manchmal vielleicht überzeichnet - aber auch das nur, um uns auf etwas zu stoßen. Sollten wir also nicht permanent versuchen, unseren Alltag mit Gesten erotischer "zu schreiben, zu malen"?
universaldilettant, 19.03.2012

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